Fasern für Klarinette, Violoncello und Klavier (2006)

20′
Auftragswerk der Musiktage Mondsee
UA: 30.08.2006, Mondsee (AT), Musiktage Mondsee | Martin Fröst (Klarinette), Heinrich Schiff (Violoncello), Thomas Larcher (Klavier)


Slow
Fast
Flowing


Programmnotiz
Der Begriff „Fasern“ bezeichnet für mich Elemente in Kompositionen, die weder Themen noch Motive noch rhythmische Patterns sind, sondern bestimmte Wendungen, die verschiedenartig eingesetzt und verwandelt werden und einer Stelle eine bestimmte Konsistenz, eine Festigkeit oder auch eine Richtung geben können und somit auch die Form eines Stückes wesentlich beeinflussen. Ich glaube, dass jeder Komponist individuell erarbeitete Fasern verwendet, die immer wieder gebraucht werden, ohne dass deswegen eine Komposition der anderen gleichen oder auch nur ähneln muss. Fasern sind also sozusagen Bestandteile des Muskelgewebes eines Werks, die zwar beeinflussen, wie die Oberfläche, die Haut, ausschaut, die aber nicht die Farbe und Struktur der Haut determinieren können. Im speziellen Fall des Trios für Klarinette, Violoncello und Klavier war es für mich überraschend zu sehen, dass bestimmte Fasern, die bei mir bisher oft in Momenten der Stücke aufgetaucht sind, die einen manischen, besessenen Charakter hatten, hier nun eine positive Energie evozieren. Das ganze Stück strahlt in den beiden Ecksätzen eine Ruhe aus, die umso stärker zur Geltung kommt, als der Mittelteil eben die vorher erwähnte große, helle Energie hat. In diesem Teil tritt ein charakteristisches Element meiner Musik besonders deutlich hervor: eine Motorik, die keinen Gesetzen gehorcht, die durch die Geschwindigkeit und die Reibungen bei unvorhersehbaren rhythmischen Wendungen elektrische Energie beim Hörer erzeugt. Nur im kammermusikalischen Kontext ist diese Art der Stromerzeugung möglich: Ein Soloinstrument kann die verschiedenen rhythmischen Ebenen nicht (deutlich genug) zeichnen, ein größerer Klangkörper ist nicht in der Lage, gemeinsam solche Wendungen in der geforderten atemberaubenden Geschwindigkeit gemeinsam auszuführen. Jeder Komponist ist von Werken anderer Musiker beeinflusst. In diesem Fall ergab sich im ersten Satz die Möglichkeit, auf einen von jenen, die mich beeinflusst haben und dies noch immer tun, hinzuweisen. Er ist für mich einer der größten Komponisten unserer Zeit. Trotzdem sind seine Werke in Europa leider viel zu selten zu hören. George Crumb war zeitlebens einer, der selbst gerne solche Allusionen in seine Werke integrierte.

Thomas Larcher