Poems. 12 Stücke für Pianisten und andere Kinder (2009)

18′
Auftragswerk des Festivals Spannungen 2010
UA: 13.06.2010 Heimbach, Kraftwerk (DE), Festival „Spannungen“ | Lars Vogt (Klavier)


Sad yellow whale (2006)
Cantabile (2006-2010)
Babu Chiri’s house (2010)
Waking up in Najing (2010)
(The day) When I lost my funny green dog (2006)
A little piece for Ursu (2009)
Frida falls asleep (2009)
MUI 1 (2009)
one, two, three, four, nine (2001-2010)
12 years old (1976/2010)
Don’t step on the Regenwurm! (2009)
A Song from? (2006/2010)


 

Programmnotiz
Poems ist ein Zyklus von zwölf Stücken für Klavier. Sie sind so komponiert, dass sie (auch) von Kindern gespielt werden können, wobei die Anforderungen unterschiedlich sind. Alle Stücke sind sehr kurz, konzentriert. Es ging mir darum, die „kleine Form“ für mich zu erschließen. Für mich war diese detailreiche Arbeit DIE kompositorische Hauptbeschäftigung des zweiten Halbjahres 2009.

Die Titel sind jeweils mit (auto-)biographischen Konnotationen des (tonalen) Ichs verbunden … auch deshalb, weil die Ausgangsbasis mancher dieser Stücke weit in meine eigene musikalische Geschichte hineinreicht.

Trauriger gelber Wal: Beim Komponieren übermale ich oft Passagen, die ich wegwerfen will…mit einem Bleistift, einer Füllfeder oder auch mit Farben…. eines Tages tauchte ein (trauriger) gelber Wal auf meinem Notenpapier auf….

Cantabile: Ein Motiv, das früher ein ungestümes gewesen war, kam mir beim Laufen durch die Wälder in den Sinn…und es verwandelte sich in ein melancholisches…

Babu Chiris Haus: Beim Wandern durch Nepal schliefen wir in einer Lodge, die früher Nabu Chiri gehört hatte, einem der berühmtesten Sherpas. Damals war er schon einige Jahre tot gewesen (er starb durch einen Spaltensturz am Mt. Everest) und die Familie seines Bruders führte das Haus weiter. In der dunklen Küche summte jemand unablässig diese Melodie….

Aufwachen in Najing: In Najing wachte ich beim Hahnenschrei und DURCH einen Hahnenschrei auf…keine Matratze, nur einige Holzbretter… ich habe diese Viecher immer gehasst!

(Der Tag) Als ich meinen lustigen grünen Hund verlor:
Ich hatte eine Lieblingskappe mit einem lustigen grünen Hund darauf….sie wärmte meinen Kopf, als ich in Richtung Gipfel stieg…als ich jedoch herunterging, merkte ich, dass sie nicht mehr bei mir war….

Ein kleines Stück für Ursu: eine endlos weite Landschaft, durch einige wenige Noten umrissen….

Frida schläft ein: Ein Kind kämpft gegen das Einschlafen… allerdings nicht sehr erfolgreich….

MUI 1: Ein Nummernschild als Auslöser für ein kleines Stück, das sich den Nächten, wie Bartók sie sich vorgestellt haben mag, zuwendet….

eins, zwei drei, vier, neun: Eine neue Zählmethode….erfunden von Stephanie im Jahr 2008… und eine alte Melodie aus meinem „Illness“- Werk …

12 Jahre alt: Ein Stück, das ich 1975 geschrieben habe…ich nahm es 2010 wieder zur Hand und komponierte einen anderen Schluss….

Tritt nicht auf den ver de terre!: Karin hielt einen Vortrag am Wissenschaftskolleg zu Berlin und erklärte, dass Regenwürmer, wenn sie auseinander gerissen wurden, den Schmerz in beiden Körperteilen spürten…

Ein Lied aus ?: …auf jeden Fall ein Lied aus meinem Streichquartett „Madhares“…. Ich hatte einmal eine nepalesische Melodie gehört, die ich dann nicht mehr aufspüren konnte….und stellte mir immerzu vor, wie diese Melodie wohl geklungen haben könnte….und das ist, was dabei herauskam. Viel später begegnete mir die originale Melodie wieder…der Glaube an das Gedächtnis und die Vorstellungskraft können einen sehr weit weg von den Ursprüngen führen, das ist also sicher…

Auf der einen Seite gibt es sehr leichte Stücke [(Der Tag) Als ich meinen lustigen grünen Hund verlor, Babu Chiris Haus
etc.], auf der anderen Seite welche, die spezifische technische Anforderungen enthalten (z. B. leichte Präparationen in eins, zwei, drei, vier, neun, Übergreifen der Hände in Frida schläft ein ).

Poems entstand als Auftrag des Festivals Spannungen 2010 in Heimbach. Dort wurden die einzelnen Stücke des Zyklus zunächst von jungen Pianisten als Einleitung in die Festivalkonzerte uraufgeführt. Zum Ende des Festivals sollte der Zyklus dann von Lars Vogt oder von mir selbst auch als Ganzes gespielt werden … Lars und ich waren uns aber sehr lange nicht einig, wer sich die Schwierigkeiten der Stücke antun sollte … am Ende musste er in den sauren Apfel beißen!

Thomas Larcher